Zum ersten Mal bei Jonas
Jonas hat den Lernolotl eingeladen. Ein fremdes Zimmer, fremde Gerüche, fremde Regeln — bis Jonas einfach anfängt, Lego zu bauen.
Jonas wohnte zwei Häuser weiter. Das wusste der Lernolotl schon lange — er hatte Jonas' Haus von außen gesehen, oft, jeden Tag auf dem Schulweg. Aber er war noch nie drin gewesen.
Jetzt stand er vor der Tür.
Jonas' Mama hatte geöffnet und gesagt „Komm rein, Jonas ist oben", und dann war sie wieder in die Küche gegangen. Der Lernolotl stand im Flur und schaute sich um.
Es roch anders als bei ihm. Nicht schlecht — nur anders. Ein fremdes Zuhause riecht immer nach jemandem, den man noch nicht kennt.
An der Wand hingen viele Fotos. Der Boden war Holz statt Fliesen. Die Treppe knarzte an der zweiten Stufe von unten.
Er merkte sich das alles, ohne es zu wollen.
Jonas' Zimmer war größer als das des Lernolotl. Und unordentlicher. Auf dem Boden lagen Lego-Steine in drei verschiedenen Haufen — aber nicht nach Farbe sortiert, einfach so. Das irritierte den Lernolotl leicht.
Jonas saß auf dem Boden und schaute hoch. „Hey. Setz dich einfach."
Der Lernolotl schaute sich um. Wohin? Auf den Boden? Auf den Schreibtischstuhl? Auf das Bett?
„Da", sagte Jonas und zeigte auf einen freien Fleck neben sich.
Der Lernolotl setzte sich.
Jonas fing wieder an, Lego-Steine zu suchen — nicht nach System, er suchte einfach den Stein, den er gerade brauchte. Der Lernolotl schaute zu. Er sagte nichts. Jonas fragte nichts.
Das war ungewohnt. Normalerweise fragten Leute immer irgendetwas.
Nach fünf Minuten fragte Jonas ohne aufzuschauen: „Willst du auch bauen?"
„Was baust du?"
„Weiß noch nicht. Einfach irgendwas."
Das war für den Lernolotl eigentlich kein Plan — er baute normalerweise nach Anleitung. Aber Jonas schob ihm einen Haufen Steine rüber. „Du kannst auch nach Farbe sortieren, wenn du willst."
Der Lernolotl schaute auf die Steine. Er fing an zu sortieren.
Eine Stunde später rief Jonas' Mama nach oben: „Kekse!"
In der Küche gab es Kekse mit Schokoladenstückchen. Jonas aß drei auf einmal. Der Lernolotl aß einen und schaute dabei aus dem Fenster in den Garten.
„Ihr habt einen Apfelbaum."
„Ja", sagte Jonas. „Der ist schon alt. Papa sagt, der war schon da, bevor wir eingezogen sind."
Sie schauten beide auf den Apfelbaum. Er stand einfach da, ruhig und breit, wie jemand, der schon immer dort gewohnt hat.
Als der Lernolotl nach Hause ging, fragte Jonas: „Kommst du nächste Woche wieder?"
Der Lernolotl überlegte einen Moment. Die Treppe knarzte an der zweiten Stufe. Er kannte die Lego-Haufen jetzt. Er wusste, wo der Apfelbaum stand.
„Ja", sagte er.
Jonas nickte. Kein großes Gesicht, keine langen Worte. Einfach nicken.
Das war genug.
Ein fremdes Zuhause ist am Anfang immer fremd.
Aber mit jedem Besuch wird ein bisschen mehr davon vertraut — und irgendwann riecht es einfach nach Jonas.
