Der Lernolotl und der
laute Morgenkreis
Jeden Morgen sitzen alle Kinder zusammen im Kreis. Für den Lernolotl ist das manchmal sehr, sehr laut.
Der Lernolotl hatte mint-grüne Haut, eine runde schwarze Brille und kleine Kiemen, die aussahen wie weiche Federn. Jeden Morgen brachte ihn Mama zur Kita — und jeden Morgen war dort Frau Brandt, die an der Tür stand und lächelte.
Die Kita hatte viele Räume: einen mit Bausteinen, einen mit Büchern, einen mit Farbe und Pinseln und einen mit einem großen bunten Teppich in der Mitte. Auf diesem Teppich trafen sich jeden Morgen alle Kinder zusammen. Das nannten sie den Morgenkreis.
Der Lernolotl mochte die meisten Dinge in der Kita sehr. Er mochte die Bücher mit den vielen Bildern. Er mochte die langen Holzbausteine, aus denen man Türme bauen konnte. Er mochte sogar den Geruch von Knete — obwohl der ziemlich stark war.
Aber den Morgenkreis mochte er nicht so sehr.
Es lag nicht daran, dass er die anderen Kinder nicht mochte. Es lag auch nicht daran, dass er Frau Brandt nicht mochte. Es lag daran, dass im Morgenkreis alle gleichzeitig sangen, klatschten und redeten — und das zusammen klang für den Lernolotl so, als ob jemand sehr viele Töpfe auf einmal umschmeißt.
Jeden Morgen setzte er sich auf seinen Platz am Rand des Teppichs und hoffte, dass es heute ein bisschen leiser sein würde. Meistens war es das nicht.
Das Lied hieß „Guten Morgen, liebe Sonne" und alle kannten es auswendig. Die anderen Kinder sangen laut und schaukelten dabei vor und zurück. Mia, die neben dem Lernolotl saß, sang immer am lautesten — sie liebte dieses Lied. Und Ben, der auf der anderen Seite saß, trommelte dazu auf seinen Knien.
Der Lernolotl sang nicht. Er hielt die Hände flach auf den Boden und spürte, wie der Teppich sich ein bisschen rau anfühlte. Das half manchmal. Nicht immer.
Eines Morgens — es war ein Dienstag, der Lernolotl merkte sich immer, welcher Wochentag es war — beobachtete Frau Brandt ihn während des Singens. Sie sang mit, aber gleichzeitig schaute sie ihn an. Nicht auf eine komische Art. Einfach so, wie Frau Brandt manchmal schaute: als würde sie gerade etwas sehr genau lesen.
Nach dem Morgenkreis, als alle anderen schon zu den Bausteinen und Büchern gegangen waren, blieb Frau Brandt noch kurz auf dem Teppich sitzen. „Lernolotl", sagte sie, „darf ich dich etwas fragen?"
Der Lernolotl nickte. Er mochte, wenn Fragen angekündigt wurden. Das war ordentlich.
„Wie fühlt sich der Morgenkreis für dich an?", fragte Frau Brandt.
Der Lernolotl dachte nach. Er dachte immer erst nach, bevor er antwortete. „Laut", sagte er schließlich. Dann überlegte er noch einmal und fügte hinzu: „Sehr laut. Wie viele Töpfe."
Frau Brandt nickte, als ob das eine sehr vernünftige Antwort wäre. Sie fragte nicht: „Ach so schlimm ist das doch nicht." Sie sagte nicht: „Aber alle anderen singen doch auch gerne." Sie sagte nur: „Danke, dass du mir das sagst. Ich denke mir etwas aus."
Am nächsten Morgen — es war ein Mittwoch — wartete neben dem Platz des Lernolotl etwas Kleines und Weiches: zwei runde Ohrenschützer, so groß wie Muscheln, verbunden durch ein biegsames Band.
„Die sind für dich", sagte Frau Brandt, als er sie ungläubig anschaute. „Wenn es zu laut wird, kannst du sie aufsetzen. Du singst trotzdem mit — aber leiser für dich."
Der Lernolotl betrachtete die Ohrenschützer sehr lange. Sie waren genau so groß, dass sie über seine Kiemen passten — Frau Brandt hatte daran gedacht. Er setzte sie auf.
Das Lied begann. „Guten Morgen, liebe Sonne..."
Mia sang. Ben trommelte auf seinen Knien. Aber der Lernolotl hörte das alles jetzt von weiter weg. Als ob die Töpfe in einem anderen Zimmer wären. Er konnte immer noch hören, was Frau Brandt sang. Er konnte immer noch sehen, wie die anderen Kinder schaukelten. Aber die Töpfe machten nicht mehr so viel Lärm.
Und zum ersten Mal sang er mit. Leise, fast unhörbar. Aber er sang.
Mia merkte es als Erstes. Sie schaute kurz zu ihm rüber, und dann — ohne etwas zu sagen — schob sie ihren Platz ein kleines bisschen näher an seinen heran.
Ben schaute auch kurz rüber. Er trommelte weiter auf seinen Knien, aber er nickte dabei einmal. Das bedeutete bei Ben: Alles gut.
Nach dem Morgenkreis fragte Mia: „Was sind das für Dinger an deinen Ohren?"
„Ohrenschützer", sagte der Lernolotl. „Damit wird es leiser."
„Darf ich mal?", fragte Mia.
Der Lernolotl dachte kurz nach. Dann nahm er sie ab und gab sie ihr. Mia setzte sie auf, schnappte einmal nach Luft und sagte: „Oh! Das ist ja wie unter Wasser."
„Genau", sagte der Lernolotl. „Nur ohne nass."
Mia lachte laut los — und diesmal störte das Lachen den Lernolotl nicht. Er wusste nicht genau warum. Vielleicht weil es sein Lachen war, nicht das von allen gleichzeitig. Oder vielleicht weil er gerade selbst ein bisschen lächeln musste.
Der Lernolotl singt jetzt jeden Morgen mit — leise, mit Ohrenschützern,
auf seinem Platz am Rand des Teppichs.
Und das ist genug.