Lernolotls Welt · Kita · Geschichte 2

Darf ich mitspielen?

Auf dem Spielplatz spielen alle — nur der Lernolotl steht am Rand und schaut zu. Bis Mia einfach fragt.

Der Lernolotl
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Nach dem Mittagessen durfte die Gruppe von Frau Brandt auf den Spielplatz. Das war jeden Tag so, außer wenn es regnete. Heute schien die Sonne, also zogen alle ihre Jacken an — manche richtig herum, manche falsch herum — und liefen raus.

Der Lernolotl mochte den Spielplatz eigentlich. Er mochte die Schaukel, weil die sich gleichmäßig bewegte. Er mochte die Sandkiste, weil man dort Dinge bauen konnte, die eine Form hatten. Was er nicht so gut konnte, war einfach in ein Spiel hineinzugehen, das schon angefangen hatte.

Mia und Ben spielten schon. Sie liefen um das Klettergerüst herum und machten dabei Geräusche, die der Lernolotl nicht ganz einordnen konnte — irgendwas zwischen Zug und Raumschiff. Das Spiel hatte also schon Regeln, aber der Lernolotl kannte sie nicht.

Er stellte sich an den Rand des Spielplatzes, neben den großen Apfelbaum, und schaute zu. Das war keine schlechte Stelle. Von dort konnte man alles gut beobachten.

Er beobachtete, wie Mia rannte. Sie rannte sehr schnell und hörte dabei nie auf zu reden. „Jetzt kommt der Asteroiden-Alarm!", rief sie, und Ben nickte ernst und wich einem imaginären Brocken aus.

Also doch Raumschiff, dachte der Lernolotl.

Er überlegte, ob er hingehen und fragen sollte. Aber was sollte er fragen? „Darf ich mitspielen?" klang einfach, aber dann müsste er erklären, was er bei dem Spiel machen würde — und das wusste er nicht, weil er die Regeln nicht kannte. Und er wollte keine Fehler machen vor allen anderen.

Also blieb er beim Apfelbaum.

· · ·

Mia bemerkte ihn als Erstes. Sie bremste mitten im Laufen ab — so plötzlich, dass ihre Schuhe im Kies quietschten — und schaute rüber zum Apfelbaum.

Dann rannte sie auf den Lernolotl zu. Direkt, ohne Umweg, so wie Mia immer alles machte.

„Hey! Warum stehst du da?", fragte sie.

„Ich schaue zu", sagte der Lernolotl.

„Willst du mitspielen?"

Der Lernolotl dachte nach. „Ich kenne die Regeln nicht."

Mia zuckte mit den Schultern. „Ich erklär sie dir. Ist eigentlich nicht so kompliziert: Wir sind ein Raumschiff. Ben ist der Kapitän und ich bin die Pilotin. Du könntest der Navigator sein."

„Was macht der Navigator?"

„Der weiß, wohin wir fliegen."

Der Lernolotl dachte kurz nach. Das klang eigentlich gut. Er kannte viele Orte — echte und vorgestellte. „Kann ich auch Planeten aussuchen?"

„Ja, natürlich! Das ist sogar die Hauptaufgabe vom Navigator."

„Gut", sagte der Lernolotl. „Dann mache ich mit."

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Ben hatte das ganze Gespräch vom Klettergerüst aus verfolgt. Als der Lernolotl ankam, nickte er einmal — das war bei Ben wie eine Begrüßung und ein Willkommen gleichzeitig.

„Navigator an Bord?", fragte Ben.

„Navigator an Bord", sagte der Lernolotl. Er wusste nicht genau, ob man das so sagen musste. Aber es klang richtig.

Ben nickte zufrieden. „Dann los. Wohin fliegen wir?"

Der Lernolotl überlegte sehr kurz. Er kannte viele Planeten. Echte und erfundene. „Zuerst an den Rand des Sonnensystems", sagte er. „Da, wo Neptun ist. Dann weiter zu einem Eisplaneten. Der heißt Kepler-442b. Den gibt es wirklich."

Mia riss die Augen auf. „Den gibt es wirklich?!"

„Ja. Er ist 1.200 Lichtjahre entfernt und hat wahrscheinlich flüssiges Wasser."

„Cooool", sagte Mia, und rannte schon los. „Dann ab zu Kepler-vierhundert-irgendwas!"

Der Lernolotl lief hinterher. Er lief nicht so schnell wie Mia, aber er kannte die Route. Das war gut genug.

· · ·

Als Frau Brandt klingelte — das bedeutete: zurück in die Kita — blieb der Lernolotl kurz stehen. Er schaute zurück zum Apfelbaum. Von dort hatte man wirklich einen guten Blick auf den ganzen Spielplatz.

Aber vom Klettergerüst aus war es noch besser.

Mia rannte an ihm vorbei und rief ohne anzuhalten: „Morgen fliegen wir weiter! Du weißt ja schon wohin!"

Der Lernolotl wusste es tatsächlich.

Ende

Manchmal muss man nur wissen, welche Rolle man hat.
Und manchmal fragt jemand einfach — und dann ist alles leichter.

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Gesprächsanregung
Gesprächsanregung für Eltern
Mögliche Fragen nach dem Vorlesen

Diese Geschichte eignet sich gut, um über Freundschaft, Dazugehören und das Trauen zu sprechen. Wählt die Fragen, die am besten zu eurem Kind passen.

  • 1. Warum hat der Lernolotl nicht einfach gefragt, ob er mitspielen darf? Kennst du das Gefühl, nicht zu wissen wie man anfängt?
  • 2. Was hat Mia gemacht, damit es für den Lernolotl einfacher wurde? War das eine kleine oder eine große Sache?
  • 3. Der Lernolotl wurde Navigator — weil er etwas konnte, was die anderen nicht wussten. Was kannst du besonders gut?
  • 4. Ben hat den Lernolotl nur einmal angenickt — aber das war genug. Wie zeigt man jemandem, dass man ihn mag, ohne viele Worte?
  • 5. Hast du schon mal jemanden am Rand stehen sehen, der vielleicht mitspielen wollte? Was könntest du tun?
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