Ich weine und weiß nicht warum — die großen Gefühle

Manchmal kommen Tränen, ohne dass etwas passiert ist. Kein Sturz, kein Streit, kein Schmerz — der Lernolotl weint einfach und versteht selbst nicht warum. Frau Brandt erklärt, dass das in Ordnung ist. Und was Gefühle eigentlich sind.

Der Lernolotl ist traurig Frau Brandt Mama
— Seite 1 —

Es war ein ganz normaler Dienstag.

Nichts war passiert. Wirklich nichts. Der Morgenkreis war okay gewesen. Das Frühstück war okay gewesen. Ben und er hatten gebaut, und das hatte Spaß gemacht.

Und dann saß der Lernolotl in der Leseecke mit einem Buch über Insekten, und plötzlich liefen ihm Tränen über das Gesicht.

Er schaute nach oben. Er schaute nach unten. Er wischte die Tränen weg. Sie kamen wieder.

Er verstand es nicht.

Nichts hatte wehgetan. Niemand war gemein gewesen. Das Buch war sogar schön — es hatte Bilder von Schmetterlingen drin. Und trotzdem weinte er.

Das war das Schlimmste: er konnte es nicht erklären. Wenn jemand fragte, würde er sagen müssen: Ich weiß nicht. Und das klang falsch, weil man doch einen Grund braucht für Tränen — das dachte er jedenfalls.

Er versuchte, mit dem Weinen aufzuhören. Er zählte im Kopf: eins, zwei, drei, vier — Schmetterlinge haben vier Flügel, nicht sechs wie andere Insekten — fünf, sechs.

Die Tränen hörten nicht auf.

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— Seite 2 —

Frau Brandt kam zur Leseecke. Sie setzte sich neben ihn, ohne zu fragen warum er weint. Sie wartete einfach kurz.

Dann sagte sie leise: „Darf ich neben dir sitzen?"

Er nickte.

Sie fragte nicht: „Was ist passiert?" und nicht „Warum weinst du?" Sie fragte: „Wo im Körper spürst du das gerade?"

Das war eine seltsame Frage. Aber er überlegte. In der Brust. Irgendwie schwer. Und in der Nase, die kribbelte.

Er sagte: „In der Brust."

Frau Brandt
Frau Brandt
„Das ist dein Körper, der aufräumt. Manchmal sammeln sich Gefühle — und dann müssen sie raus. Das ist kein Fehler. Das ist, wie Menschen funktionieren."

Der Lernolotl hörte das. Er dachte darüber nach.

Aufräumen. Das kannte er. Manchmal war sein Zimmer zu voll und er musste alles rausnehmen und neu sortieren. Vielleicht war das bei Gefühlen auch so.

Er weinte noch ein bisschen weiter. Diesmal fühlte es sich weniger falsch an. Weil es jetzt einen Grund hatte, den er verstand.

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Später, als die Tränen aufgehört hatten, fragte Frau Brandt: „Weißt du, was du gerade gefühlt hast?"

Er überlegte. Es gab kein richtiges Wort. Nicht Traurig. Nicht Wütend. Nicht Angst. Es war — voll. Zu voll.

Er sagte: „Zu voll."

Frau Brandt nickte. „Das gibt es wirklich als Gefühl. Manchmal sagen Leute dazu 'überwältigt'."

Überwältigt. Das war ein neues Wort für ihn. Aber es passte. Es klang genau richtig.

„Manchmal weinen wir, weil wir traurig sind. Manchmal, weil etwas schön war. Manchmal, weil wir überwältigt sind — also zu voll. Das sind alles Gründe. Und keiner davon ist falsch."

Auf dem Heimweg sagte er zu Mama: „Ich war heute überwältigt."

Mama schaute ihn an. „Was ist passiert?"

„Nichts", sagte er. „Das war das Merkwürdige. Einfach zu voll von allem."

Mama nickte langsam. Dann sagte sie: „Das kenne ich. Das passiert mir manchmal auch."

Das war überraschend. Und irgendwie sehr tröstlich.

💛 Wenn Kinder weinen ohne erkennbaren Grund — was dahintersteckt

Emotionale Überwältigung ist ein echter Zustand — kein Drama und keine Manipulation. Drei Dinge helfen Kindern (und Erwachsenen):

  • Den Körper befragen: „Wo spürst du das?" lenkt die Aufmerksamkeit nach innen und weg von der Suche nach einem äußeren Grund. Das beruhigt das Nervensystem schneller.
  • Das Gefühl benennen: Das Wort „überwältigt" gibt dem Erlebnis Struktur. Kinder, die Gefühle benennen können, regulieren sich schneller als solche, die kein Wort haben.
  • Normalisieren ohne Bagatellisieren: „Das passiert mir auch" ist mächtiger als „Ist doch nicht so schlimm." Es sagt dem Kind: Du bist in Ordnung. Das ist menschlich.

Kinder mit ADHS und Autismus haben oft eine intensivere emotionale Reaktivität — ihr Nervensystem verarbeitet emotionale Reize stärker. Das Weinen ohne sichtbaren Anlass ist oft ein Hinweis darauf, dass das System zu viel verarbeitet hat.

Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern: Emotionale Dysregulation bei Kleinkindern

Emotionale Dysregulation — das Einschießen von Gefühlen ohne offensichtlichen äußeren Auslöser — ist bei kleinen Kindern häufig, weil der präfrontale Kortex, der für emotionale Regulierung zuständig ist, erst mit ca. 25 Jahren vollständig ausreift. Kleinkinder erleben Gefühle buchstäblich mit vollem Körpereinsatz.

Bei Kindern mit ADHS ist die Reaktionsschwelle oft niedriger — schon kleine emotionale Eindrücke des Tages können sich aufstauen und dann ohne erkennbaren Anlass entladen. Das Kind ist nicht dramatisch oder manipulativ — es ist überflutungsartig überwältigt.

Hilfreich: Kein Verhör nach dem Grund, sondern Sicherheit vermitteln. Das Benennen des Körpergefühls (statt des äußeren Anlasses) hilft dem Kind, einen inneren Anker zu finden.

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