Der rote Stift
Herr Mayer gibt die Hefte zurück. Auf dem des Lernolotl sind rote Striche — mehr als erwartet. Und das ist erst der Anfang.
Der Lernolotl mochte Mathe. Das war das Fach, in dem er sich am sichersten fühlte, weil es dort immer nur eine richtige Antwort gab. Keine Meinungen, keine Interpretationen — nur: richtig oder falsch.
Deswegen war es besonders schlimm, als Herr Mayer die Hefte zurückgab.
Der Lernolotl sah die roten Striche, bevor er das Heft überhaupt richtig aufgeschlagen hatte. Drei Aufgaben. Drei rote Striche. Drei Fehler. Er hatte mit null gerechnet.
Er schaute auf die Aufgaben. Er verstand die Fehler nicht sofort — das machte es noch schlimmer. Er hätte erwartet, dass er die Fehler sehen würde und sofort wissen würde: Ah, da habe ich nicht aufgepasst. Aber das passierte nicht. Er sah nur rote Striche.
Lena schaute kurz zu ihm rüber. Sie hatte nur einen roten Strich. Das war nicht wichtig, dachte der Lernolotl, aber irgendwie war es das doch.
Er klappte das Heft zu. Er wollte es gerade nicht ansehen.
Herr Mayer ging durch die Reihen und blieb bei manchen Kindern kurz stehen. Als er zu dem Lernolotl kam, blieb er auch stehen.
„Darf ich?", fragte er und zeigte auf das geschlossene Heft.
Der Lernolotl schob es ihm hin, ohne es aufzumachen.
Herr Mayer schlug es auf, schaute die drei Aufgaben an und nickte langsam. „Weißt du, was hier passiert ist?"
„Nein", sagte der Lernolotl. Das war die ehrliche Antwort.
„Bei dieser Aufgabe", sagte Herr Mayer und zeigte auf die erste, „hast du richtig gerechnet. Aber das Ergebnis falsch abgeschrieben."
Der Lernolotl schaute hin. Das stimmte. Die Zahl in seiner Rechnung war richtig — die Zahl, die er dann aufgeschrieben hatte, war eine andere. Er hatte sich selbst abgeschrieben.
„Das", sagte Herr Mayer, „ist kein Fehler im Denken. Das ist ein Fehler beim Aufschreiben. Das ist ein großer Unterschied."
Der Lernolotl schaute auf den roten Strich. Für den roten Strich war es kein Unterschied. Aber vielleicht war er für ihn selbst ein Unterschied.
Herr Mayer zeigte auf die zweite Aufgabe. „Hier hast du einen Schritt übersprungen. Siehst du, wo?"
Der Lernolotl schaute. Nach einer Weile sah er es. „Da", sagte er und zeigte auf die Stelle.
„Genau. Du hast es im Kopf gerechnet, aber nicht aufgeschrieben. Das Ergebnis war trotzdem richtig — aber ich kann nicht sehen, wie du dorthin gekommen bist."
„Das Ergebnis war richtig?"
„Ja. Aber bei schwierigeren Aufgaben reicht das nicht. Ich muss den Weg sehen."
Der Lernolotl dachte darüber nach. Er hatte das Zwischenergebnis nicht aufgeschrieben, weil er dachte, es sei unnötig. Es war nicht unnötig — es war für Herrn Mayer notwendig, auch wenn es für ihn selbst nicht war. Das war ein anderer Gedanke.
Bei der dritten Aufgabe hatte er einfach falsch gerechnet. Kein besonderer Grund. „Das war einfach falsch", sagte Herr Mayer. „Das passiert."
Der Lernolotl schaute ihn an. „Aber es war Mathe."
„Ja."
„Bei Mathe gibt es nur richtig oder falsch."
„Stimmt. Aber das heißt nicht, dass Falsch etwas Schlimmes ist. Es heißt nur, dass du weißt, wo du noch üben musst."
Das war eine ungewohnte Art, über Fehler nachzudenken. Nicht als Urteil. Als Information.
In der Pause zeigte Lena ihm ihr Heft. „Schau mal, ich hab hier auch falsch abgeschrieben. Dabei hatte ich das richtig."
„Ich auch", sagte der Lernolotl. „Bei Aufgabe eins."
„Das ist so ein dummer Fehler."
„Herr Mayer sagt, es ist ein anderer Fehler als ein Denkfehler."
Lena überlegte. „Stimmt eigentlich. Es ist trotzdem blöd."
„Ja", sagte der Lernolotl. „Aber es ist nicht dasselbe wie wenn man es nicht kann."
Das war ein wichtiger Unterschied. Er wusste das jetzt.
Am Nachmittag machte er die Aufgabe noch einmal — die dritte, die wirklich falsch gewesen war. Er rechnete langsamer. Er schrieb jeden Schritt auf. Am Ende war das Ergebnis richtig.
Der rote Stift, dachte er, hatte ihm gezeigt, wo er hinschauen musste. Das war eigentlich nützlich — auch wenn es sich am Anfang nicht so angefühlt hatte.
Ein Fehler sagt nicht, wer du bist.
Er sagt nur, wo du als nächstes hinschauen solltest.