Gewonnen! — aber die anderen sind traurig

Das Team hat gewonnen. Der Lernolotl freut sich — sehr. Aber die anderen Kinder weinen. Wie kann man gewinnen, ohne die Verlierer zu verletzen? Und darf man sich überhaupt freuen? Timo erklärt, wie das geht.

Der Lernolotl freut sich Timo Nora
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Das Rennen war vorbei. Ihre Staffel hatte gewonnen — mit vier Sekunden Vorsprung.

Der Lernolotl hatte seine Bahn geschwommen. Er hatte Timo die Hand gegeben, und Timo war als Letzter ins Wasser gegangen — schnell, so schnell wie immer.

Jetzt standen sie am Beckenrand. Timo jubelte laut. Nora lächelte ihr stilles Lächeln. Der Lernolotl war sehr glücklich.

Dann sah er die andere Mannschaft.

Ein Mädchen saß auf der Bank und hatte den Kopf in den Händen. Ein Junge schaute auf den Boden. Ihr Trainer kniete vor ihnen und sagte leise etwas.

Der Lernolotl hörte auf zu lächeln. Das Glück in seiner Brust wurde kleiner. War das falsch, was er fühlte? Durfte er sich freuen, wenn andere deswegen traurig waren?

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Er fragte Timo. Er fragte leise, damit die anderen es nicht hörten.

„Darf ich mich freuen, wenn die traurig sind?"

Timo
Timo
„Ja. Aber man zeigt es nicht zu laut, wenn die anderen noch traurig sind. Man feiert — aber nicht direkt vor ihnen. Das ist der Unterschied."

Der Lernolotl dachte nach. Freuen ist erlaubt. Zeigen ist erlaubt. Aber es gibt einen Ort und einen Zeitpunkt dafür. Und dieser Ort ist nicht direkt neben jemandem, der weint.

Das ergab Sinn. Das war wie eine Regel. Eine ungeschriebene — aber diesmal konnte er sie verstehen.

Er fragte Timo noch etwas: „Was macht man, wenn man am Rand an ihnen vorbeigeht?"

„Nicken", sagte Timo. „Manchmal 'gut gespielt' sagen. Nicht zu laut."

Das merkte sich der Lernolotl.

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Als sie am Ausgang an der anderen Mannschaft vorbeikamen, schaute der Lernolotl kurz zu dem Mädchen, das auf der Bank gesessen hatte.

Sie schaute zurück.

Er nickte. Kurz. Wie Timo es gesagt hatte.

Sie nickte auch. Dann sah sie wieder weg.

Er wusste nicht genau, was das bedeutete. Aber es fühlte sich richtig an.

„Gewinnen und Freude zeigen ist erlaubt. Aber echte Stärke erkennt man daran, wie man mit dem Sieg umgeht — nicht nur daran, dass man gewonnen hat."

Im Auto fragte Papa, wie es war.

„Wir haben gewonnen", sagte der Lernolotl. Und dann: „Ich habe gelernt, wie man das richtig macht."

Papa schaute in den Rückspiegel. „Was meinst du?"

„Gewinnen", sagte der Lernolotl. „Das hat auch Regeln."

💚 Empathie beim Siegen — warum das lernbar ist

Autistische Kinder haben oft keine Schwierigkeit mit Empathie — aber mit den sozialen Skripten, die zeigen, wie Empathie im Moment aussieht.

  • Freude ist berechtigt: Kinder müssen nicht ihre Gefühle unterdrücken — aber sie können lernen, wann und wo man sie zeigt. Das ist keine Heuchelei, das ist soziale Rücksicht.
  • Konkrete Verhaltenshinweise helfen: „Nicht zu laut feiern, wenn die anderen noch traurig sind" ist klarer als „Sei rücksichtsvoll." Konkrete Anweisungen sind für neurodiversen Kinder oft zugänglicher als abstrakte Werte.
  • Vorbilder im Team: Timo fungiert hier als natürlicher sozialer Erklärer — nicht als Lehrer, sondern als Peer. Diese Peer-Erklärungen haben oft mehr Gewicht als Erwachsenen-Anweisungen.
Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern: Gewinnen mit Würde — ein erlernbares Verhalten

Das sogenannte „Gracious winning" — würdevolles Gewinnen — ist ein soziales Skript, das Kinder erst erlernen müssen. Es ist nicht angeboren. Kinder mit Autismus, die Regeln gut verstehen und anwenden können, können diese Skripte gut erlernen — wenn man sie ihnen erklärt.

Helfen dabei: konkrete Formulierungen üben („gut gespielt", kurzes Nicken), Situationen vorbesprechen, und das Vorbild von Gleichaltrigen nutzen, die solche sozialen Codes intuitiv beherrschen.

Wichtig: Die eigene Freude muss nicht unterdrückt werden. Es geht um Ort und Timing — nicht um das Gefühl selbst.

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