Lina lebte mit ihrer Familie in einem kleinen, hellen Haus direkt am Meer. Jeden Morgen wurde sie vom Rufen der Möwen geweckt, und abends hörte sie das gleichmäßige Rauschen der Wellen, wenn sie im Bett lag. Lina liebte vieles am Strand: den warmen Sand unter ihren Füßen, die bunten Steine und die Muscheln, die bei Ebbe überall lagen. Besonders gern sammelte sie Muscheln und ordnete sie nach Farben und Formen.
Doch so sehr Lina den Strand mochte, das Meer selbst machte ihr Angst. Die Wellen waren laut und kamen immer wieder, ganz egal, ob man bereit dafür war oder nicht. Wenn Lina das Wasser ansah, klopfte ihr Herz schneller. In ihrem Kopf tauchten viele Fragen auf: Was, wenn mich eine Welle umstößt? Was, wenn ich den Boden nicht mehr spüre?
Ihr Papa sagte oft: „Du musst nicht ins Wasser gehen, wenn du nicht möchtest." Das beruhigte Lina ein wenig, aber die Angst blieb trotzdem.
Eines Nachmittags, als Lina allein am Strand entlanglief, entdeckte sie eine Muschel, die anders aussah als alle anderen. Sie schimmerte leicht und fühlte sich warm an. Lina hob sie vorsichtig auf und hielt sie an ihr Ohr. Da hörte sie eine ganz leise Stimme: „Mut wächst langsam, genau wie eine Welle."
Lina wusste nicht, ob sie sich das nur einbildete, aber die Worte fühlten sich gut an. Sie steckte die Muschel in ihre Tasche und nahm sie mit nach Hause.