Ich weiß nicht, wer ich bin — auf der Suche

Wer bin ich eigentlich? Der Lernolotl stellt sich diese Frage — und merkt, dass sie schwerer zu beantworten ist als jede Rechenaufgabe. Aber Oma Hilde hat einen Tipp: Wer sucht, findet. Und manchmal ist die Antwort näher, als man denkt.

Der Lernolotl — nachdenklich Oma Hilde Mama
„Wer bin ich?
Ich bin das, was ich tue —
und was ich fühle — und was ich liebe."
— Seite 1 —

In der Schule sollte jeder einen Steckbrief ausfüllen. „Wer bin ich?" stand oben auf dem Blatt. Darunter: Name, Alter, Lieblingsessen, Hobbys, was ich gut kann, was ich mir für die Zukunft wünsche.

Die anderen fingen sofort an zu schreiben. Finn schrieb: Fußball. Lena schrieb: Lesen und malen. Jemand anders schrieb: Am liebsten schlafen — das fand der Lernolotl ehrlich.

Aber der Lernolotl starrte auf sein leeres Blatt.

Name: okay. Alter: okay. Lieblingsessen: Pizza mit Mais, ohne Zwiebeln — okay. Aber dann — was ich gut kann — da stockte er.

Er konnte viele Fakten über Axolotl. Aber war das eine Antwort? Er erkannte Muster in Zahlen. War das etwas, das zählte? Er erinnerte sich an alles — aber das war doch kein Hobby.

Wer war er eigentlich? Die Frage fühlte sich plötzlich riesig an — viel größer als das Blatt Papier.

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— Seite 2 —

Abends zeigte er das Blatt Oma Hilde. Sie war zu Besuch und trank Tee mit Kardamom — wie immer.

Sie sah das halbleere Blatt an. Dann sah sie ihn an. „Du weißt nicht, wer du bist?", fragte sie.

„Ich weiß, wie ich heiße", sagte der Lernolotl. „Aber das fragt das Blatt eigentlich nicht."

Oma Hilde lächelte. „Nein. Es fragt: Was macht dich zu dir?"

Sie stellte ihm Fragen — aber andere Fragen als das Blatt. Was machst du, wenn du alleine Zeit hast? Wann hast du zuletzt richtig gelacht? Was ärgert dich am meisten an der Welt? Was möchtest du verstehen, das du noch nicht verstehst?

Oma Hilde
Oma Hilde
„Identität ist kein festes Ding, das man einmal findet und dann besitzt. Sie ist wie ein Puzzle, das man das ganze Leben lang zusammensetzt — und manche Teile findet man erst sehr spät."

Der Lernolotl antwortete. Langsam zuerst, dann schneller. Er mochte Zahlenreihen und Stille und Fakten über Tiere. Er lachte meistens über Dinge, die andere nicht lustig fanden. Er ärgerte sich über Unehrlichkeit — am meisten.

„Siehst du?", sagte Oma Hilde. „Das alles bist du."

— Seite 3 —

Der Lernolotl nahm das Blatt wieder in die Hand. Mama half ihm — nicht indem sie die Antworten gab, sondern indem sie fragte: „Was hast du letzte Woche gemacht, das dir Spaß gemacht hat?"

Er dachte nach. Er hatte Karten sortiert. Zahlenreihen ausprobiert. Finn erklärt, warum Axolotl keine normalen Salamander sind. Und er hatte sich gefreut, als Herr Mayer seinen Satz an die Tafel geschrieben hatte.

Das war er.

„Ich bin nicht fertig. Ich bin unterwegs. Und das ist genau richtig so."

Am nächsten Tag gab er den Steckbrief ab. Herr Mayer las ihn durch. Unter „Was ich gut kann" stand: Muster erkennen, Fakten merken, ehrlich sein. Unter „Was ich mir wünsche" stand: Alles verstehen — auch wenn es sehr lange dauert.

Herr Mayer nickte. Dann schrieb er mit Rotstift in die Ecke: „Sehr ehrlich. Sehr gut."

Das war das Beste, was jemand über einen Steckbrief sagen konnte.

🔍 Identität erkunden — der Wer-bin-ich-Würfel

Kinder entwickeln Identität nicht durch Nachdenken allein, sondern durch Erfahrungen, Gespräche und Reflexion. Dieses einfache Spiel hilft:

  • Seite 1 — Was ich mag: Drei Dinge, die ich wirklich gerne tue
  • Seite 2 — Was mich ärgert: Was finde ich ungerecht oder falsch?
  • Seite 3 — Was ich gut kann: Auch kleine, alltägliche Fähigkeiten zählen
  • Seite 4 — Was mich zum Lachen bringt: Worüber lache ich wirklich?
  • Seite 5 — Wer ist wichtig für mich: Menschen, Tiere, Orte
  • Seite 6 — Was ich noch lernen möchte: Keine falsche Antwort

Den Würfel gemeinsam ausfüllen — und in ein paar Monaten wiederholen. Identität verändert sich. Das ist kein Problem, sondern Wachstum.

Nachbesprechung — Fragen für Eltern und Kinder
💡 Für Eltern: Identitätsentwicklung bei neurodiversen Kindern

Kinder mit Autismus oder ADHS tun sich oft schwerer damit, ein kohärentes Selbstbild zu entwickeln — weil sie in vielen Bereichen Rückmeldungen bekommen, die betonen, was sie nicht können oder was anders an ihnen ist. Das Ergebnis ist häufig ein fragmentiertes Selbstbild, das mehr auf Defiziten basiert als auf echten Stärken.

Gezielt nach Vorlieben, Reaktionen und Werten zu fragen — nicht nach Leistungen — hilft Kindern, sich von innen heraus zu beschreiben, statt durch den Vergleich mit anderen. Das ist die Basis eines stabilen Selbstwertgefühls.

Wichtig: Die Antworten des Kindes ernst nehmen, auch wenn sie überraschend oder ungewöhnlich wirken. „Ich mag es, wenn Zahlen aufgehen" ist genauso gültig wie „Ich mag Fußball".

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