Der erste Tag im Wasser
Das Schwimmbad ist laut, nass und unbekannt. Aber Herr Koch erklärt erst — und zeigt dann. Und er wartet, bis der Lernolotl bereit ist.
Das Schwimmbad roch nach Chlor.
Das wusste der Lernolotl schon, bevor er reingegangen war — Mama hatte es ihm erklärt. Aber das Wissen, dass es nach Chlor riechen würde, war etwas anderes als der tatsächliche Geruch, der ihm entgegenkam, als die Tür aufging. Scharf. Überall. Unausweichlich.
Dazu das Echo. Das Schwimmbad war hoch und weit, und jedes Geräusch prallte von den Wänden ab und kam verändert zurück. Stimmen, Wasserplatschen, Pfeifen — alles vermischte sich zu einem Rauschen, das er nicht einzeln sortieren konnte.
Er blieb kurz in der Tür stehen.
Herr Koch, der Schwimmtrainer, war schon da. Er war ein ruhiger Mann mit einem blauen T-Shirt und einer Pfeife um den Hals, die er nie benutzte, solange er redete. Er sah den Lernolotl in der Tür stehen und sagte nichts. Er wartete einfach.
Das war gut.
Die Gruppe hatte sechs Kinder. Timo war der Schnellste — das sah man sofort, er stand schon am Beckenrand und schaute ins Wasser, als würde er es kaum erwarten können. Nora stand etwas weiter hinten und schaute genauso ins Wasser wie der Lernolotl — nicht mit Ungeduld, sondern mit Aufmerksamkeit.
Herr Koch erklärte zuerst. „Heute lernen wir den Froschstoß. Ich erkläre ihn, dann zeige ich ihn — und dann macht ihr ihn."
Er erklärte: Arme nach vorne, auseinanderziehen, wieder zusammen. Beine anziehen, abstoßen, strecken. Alles in Reihenfolge. Alles mit Namen.
Der Lernolotl hörte zu. Er wiederholte die Reihenfolge in Gedanken: Arme — Beine — strecken. Arme — Beine — strecken.
Dann zeigte Herr Koch es im Wasser. Einmal langsam. Einmal normal.
Dann war Timo dran, und Timo schwamm sofort los, als hätte er den Froschstoß schon immer gewusst.
Der Lernolotl stand noch am Beckenrand.
Das Wasser war grünlich-blau und er konnte den Boden sehen, aber nicht genau. Die Temperatur wusste er noch nicht. Das Chlor würde in den Augen brennen, das hatte Mama gesagt.
Herr Koch kam zu ihm. Er kniete sich hin, so dass seine Augen auf gleicher Höhe waren. „Du musst heute nicht springen. Du kannst die Leiter nehmen."
„Die Leiter?"
„Da drüben." Er zeigte auf die Metallleiter an der Seite des Beckens. „Rein, wenn du bereit bist. Nicht vorher."
Der Lernolotl schaute die Leiter an. Das war besser. Das war viel besser.
Er ging zur Leiter. Er stieg die Stufen hinunter, eine nach der anderen. Das Wasser war kühl. Dann kalt. Dann normal.
Er stieß sich ab. Arme — Beine — strecken.
Er schwamm nicht weit. Nur ein paar Meter. Aber er schwamm.
Nora schwamm neben ihm, auch langsam, auch konzentriert. Sie schaute kurz rüber. Dann schaute sie wieder nach vorne.
Das war genug.
Neues ausprobieren ist leichter, wenn man erst erklärt bekommt — und dann selbst entscheiden darf, wann man bereit ist.
Man muss nicht der Schnellste sein. Man muss nur anfangen.
