Der Lernolotl verliert
Er hat alles richtig gemacht. Er hat die Regeln gekannt, alles gegeben — und ist trotzdem Letzter. Eine Geschichte darüber, was das bedeutet.
Das Rennen hatte drei Regeln.
Erste Regel: An der Linie starten. Zweite Regel: Auf das Pfeifen warten. Dritte Regel: Nicht mit den Ellenbogen schubsen. Der Lernolotl hatte alle drei Regeln gekannt. Er hatte alle drei Regeln eingehalten.
Trotzdem war er als Letzter angekommen.
Er stand jetzt neben der Ziellinie und schaute auf den Boden. Die anderen Kinder redeten laut, lachten, tauschten die Plätze: Timo war Erster, natürlich, Timo war immer Erster. Nora war Dritte. Der Lernolotl war Sechster — von sechs.
Das war keine unerwartete Information. Er hatte gewusst, dass er langsamer war als Timo. Er hatte es von Anfang an gewusst.
Aber es zu wissen und es dann tatsächlich zu erleben — das war doch etwas anderes.
Herr Koch wartete, bis der Lärm etwas leiser wurde. Dann sagte er: „Gute Starts, alle sechs. Ich habe gesehen, dass ihr auf das Pfeifen gewartet habt."
Er schaute dabei kurz zum Lernolotl. Nicht besonders — einfach kurz, so wie er alle anschaute.
Später, beim Abkühlen, setzte sich Nora neben den Lernolotl. Sie sagte nicht: „Schade." Sie fragte nicht: „Warum bist du so langsam?"
Sie sagte: „Ich war letztes Mal auch Letzte."
„Wann war das?"
„Beim ersten Training. Ich konnte noch nicht gut starten."
Der Lernolotl überlegte. „Ich kann gut starten. Ich bin einfach langsamer."
„Das ist auch in Ordnung."
Das war keine Aufmunterung. Das war eine Feststellung. Der Lernolotl mochte Feststellungen mehr als Aufmunterungen.
Abends fragte Papa: „Wie war das Training?"
„Ich bin beim Rennen Letzter geworden."
Papa nickte. „Und wie war das?"
Der Lernolotl dachte nach. „Ich habe alle Regeln eingehalten und trotzdem verloren. Das fühlt sich falsch an."
„Weil du dachtest, Regeln einhalten bedeutet gewinnen?"
Der Lernolotl überlegte. „Ja. Vielleicht."
„Regeln einhalten bedeutet fair spielen. Gewinnen ist etwas anderes."
Das war ein Unterschied, den er noch nicht so klar gesehen hatte. Regeln einhalten — fair spielen. Gewinnen — etwas anderes.
„Timo ist auch fair. Er hat die Regeln auch eingehalten. Er ist nur schneller."
„Genau."
Der Lernolotl schaute aus dem Fenster. Draußen war es dunkel.
„Nächstes Mal werde ich trotzdem versuchen, schneller zu sein."
„Das klingt gut." Papa lächelte. „Nicht weil du gewinnen musst. Sondern weil du es willst."
Das stimmte. Das stimmte genau.
Regeln einhalten bedeutet fair spielen — nicht gewinnen.
Verlieren darf sich schwer anfühlen. Aber es bedeutet nicht, dass man etwas falsch gemacht hat.
