Lernolotls Welt · Zuhause · Geschichte 1

Der Abend, der nicht stimmte

Jeden Abend läuft alles gleich. Bis Papa heute zu spät kommt — und die ganze Reihenfolge aus dem Takt gerät.

Der Lernolotl denkt nach
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Normalerweise roch es um halb sechs nach Abendessen.

Papa kam um Viertel vor sechs nach Hause, hängte seine Jacke an den Haken neben der Tür, wusch sich die Hände, und dann fing das Kochen an. Das war die Reihenfolge. Der Lernolotl kannte sie auswendig — nicht weil er sie sich gemerkt hatte, sondern weil sie einfach so war.

Um halb sieben wurde gegessen. Um Viertel nach sieben: Zähneputzen. Um acht: Vorlesen. Um halb neun: Licht aus.

Das war der Abend. Immer.

· · ·

Aber heute war es halb sechs, und es roch nicht nach Abendessen.

Der Lernolotl saß an seinem Schreibtisch und schaute auf die Uhr. Die Zeiger stimmten. Das Problem war nicht die Uhr.

Mama kam ins Zimmer. „Papa hat noch einen Termin. Er kommt später."

„Wie viel später?"

„Vielleicht sieben. Vielleicht auch halb acht."

Der Lernolotl sagte nichts. Er schaute wieder auf die Uhr. Wenn Papa erst um sieben käme, wäre das Abendessen um acht. Zähneputzen um Viertel nach acht. Vorlesen um neun. Licht aus um halb zehn.

Das war falsch. Das war alles falsch.

„Wir könnten schon ohne Papa essen", sagte Mama. „Dann bleibt die Reihenfolge fast gleich."

Fast. Das war das Problem. Fast war nicht gleich.

Der Lernolotl spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Nicht schmerzhaft. Nur eng. Als wenn etwas, das immer Platz hatte, plötzlich zu groß geworden war.

· · ·

Sie aßen ohne Papa. Lea redete die ganze Zeit über einen Schmetterling, den sie auf dem Weg nach Hause gesehen hatte. Mama hörte zu und lachte einmal laut. Der Lernolotl aß seine Nudeln und schaute auf seinen Teller.

Das Essen schmeckte gleich wie immer. Das war irgendwie das Seltsamste. Wenn das Essen auch noch anders geschmeckt hätte, wäre es wenigstens konsequent gewesen.

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Papa kam um Viertel nach sieben nach Hause. Er sah müde aus. Er hängte seine Jacke an den Haken, wusch sich die Hände, und kam dann in die Küche — wo schon aufgeräumt worden war.

„Tut mir leid, dass ich so spät bin", sagte er.

Der Lernolotl war noch am Tisch. Er hatte gewartet, aber er wusste nicht genau worauf.

„Die Reihenfolge hat heute nicht gestimmt", sagte er.

Papa setzte sich zu ihm. Er sah ihn an, nicht so, als wäre er überrascht — sondern so, als hätte er das erwartet. „Ich weiß. Das tut mir leid."

„Du hattest einen Termin. Das war kein Fehler."

„Stimmt. Und trotzdem hat es deinen Abend durcheinander gebracht." Papa lehnte sich zurück. „Was hätte geholfen?"

Der Lernolotl überlegte. „Wenn du es früher gesagt hättest. Dann hätte ich mich darauf einstellen können."

Papa nickte. Langsam. „Das ist ein guter Hinweis. Das mache ich nächstes Mal."

Das war kein Versprechen. Das war eine Absicht. Der Lernolotl kannte den Unterschied — aber es war trotzdem besser als nichts.

· · ·

Mama las ihm trotzdem vor. Um halb neun statt um acht. Lea schlief schon, ihr Zimmer war still.

Der Lernolotl lag in seinem Bett und hörte zu. Die Geschichte war dieselbe, die er sich vor einer Woche ausgesucht hatte — für heute Abend.

Licht aus um zehn vor zehn.

Das war nicht halb neun. Aber es war trotzdem der Abend.

Ende

Routinen geben Sicherheit. Wenn sie unterbrochen werden, ist das schwierig.
Aber manchmal hilft es schon, wenn man vorher Bescheid weiß — und wenn hinterher jemand zuhört.

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Gesprächsanregung
Gesprächsanregung für Eltern
Mögliche Fragen nach dem Vorlesen

Diese Geschichte eignet sich gut, um über Routinen, Übergänge und das Gefühl zu sprechen, wenn etwas nicht wie erwartet läuft.

  • 1.Warum war es für den Lernolotl so schwierig — obwohl das Essen genauso geschmeckt hat wie immer?
  • 2.Er sagt: „Fast ist nicht gleich." Was meint er damit? Kennst du das Gefühl auch?
  • 3.Was sagt der Lernolotl, was ihm geholfen hätte? Fällt dir noch etwas anderes ein?
  • 4.Papa sagt „das mache ich nächstes Mal" — aber nicht „ich verspreche es". Was ist der Unterschied?
  • 5.Am Ende ist der Abend doch noch irgendwie der Abend. Was hat dabei geholfen?
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