Lernolotls Welt · Zuhause · Geschichte 3

Das Zimmer des Lernolotl

Lea hat etwas in seinem Zimmer umgestellt — nur eine Kleinigkeit. Für den Lernolotl ist es alles andere als das.

Der Lernolotl
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Das Zimmer des Lernolotl hatte eine Ordnung.

Nicht die Ordnung, die Erwachsene meinen, wenn sie sagen „räum dein Zimmer auf" — das war eine andere Sache. Die Ordnung des Lernolotl war genauer. Die Bücher standen nach Größe, nicht nach Thema. Die Stifte lagen in einem Becher mit den Spitzen nach oben, von links nach rechts: Rot, Orange, Gelb, Grün, Blau, Lila, Schwarz. Auf dem Schreibtisch lag immer ein leeres Blatt Papier, genau in der Mitte. Und auf dem Fensterbrett stand, von links nach rechts: die kleine Steinsammlung, der Tannenzapfen, die Muschel aus dem Urlaub.

Stein — Tannenzapfen — Muschel. Immer.

· · ·

Als er nach Hause kam und in sein Zimmer trat, sah er es sofort.

Die Muschel stand jetzt links. Der Stein stand rechts. Der Tannenzapfen stand in der Mitte.

Muschel — Tannenzapfen — Stein.

Er stand in der Tür und schaute auf das Fensterbrett. Sein Magen zog sich zusammen, als hätte jemand ein Seil darin befestigt und kurz daran gezogen.

Das war nicht richtig. Das war alles andere als eine Kleinigkeit.

· · ·

Er fand Lea im Wohnzimmer. Sie malte. Sie sah ihn kommen.

„Ich habe die Muschel angeschaut", sagte sie, bevor er etwas sagen konnte. „Sie ist so schön."

„Du hast die Reihenfolge verändert."

Lea schaute ihn an. „Ich habe sie nur kurz in die Hand genommen."

„Und dann falsch hingestellt."

„Es sieht doch gleich aus."

Der Lernolotl öffnete den Mund. Dann schloss er ihn wieder. Dann öffnete er ihn nochmal. „Es sieht nicht gleich aus. Es ist anders. Für mich."

Lea schaute auf ihr Bild. Sie malte weiter. „Tut mir leid."

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Abends saß der Lernolotl noch in seinem Zimmer, als Papa reinkam.

„Lea hat mir erzählt, was passiert ist."

„Sie hat die Muschel an die falsche Stelle gestellt."

Papa setzte sich auf den Boden neben ihn. Er schaute auf das Fensterbrett. Die Ordnung war längst wieder richtig — der Lernolotl hatte sie sofort korrigiert. Stein — Tannenzapfen — Muschel.

„Du hast sie wieder hingestellt."

„Natürlich."

Papa nickte. „Wie war das, als du reingekommen bist und es gesehen hast?"

Der Lernolotl dachte nach. „Als hätte jemand in meinem Kopf etwas umgestellt. Nicht nur auf dem Fensterbrett."

Papa schwieg einen Moment. „Das ist ein gutes Bild." Er schaute auf die drei Objekte. „Darf ich dich etwas fragen?"

„Ja."

„Weiß Lea, dass dein Zimmer so wichtig für dich ist? Nicht nur aufgeräumt — sondern diese spezifische Ordnung?"

Der Lernolotl überlegte. „Ich habe es ihr nie erklärt."

„Dann weiß sie es vielleicht nicht. Sie ist vier. Für sie ist Stein gleich Stein, egal wo er steht."

Das war logisch. Unbefriedigend, aber logisch.

„Was soll ich tun?"

„Vielleicht erklären. Nicht weil du musst. Sondern damit sie versteht, warum die Regel gilt — nicht nur dass sie gilt."

· · ·

Am nächsten Morgen rief der Lernolotl Lea in sein Zimmer.

Er zeigte ihr das Fensterbrett. Er erklärte: „Stein zuerst, weil er am schwersten ist. Tannenzapfen in der Mitte, weil er am größten ist. Muschel rechts, weil ich sie zuletzt gefunden habe und sie rechts anfangen, wenn ich sie der Reihe nach aufgestellt habe."

Lea hörte zu. Ihre Augen wurden ein bisschen größer. „Das ist ein System."

„Ja."

„Und wenn ich es falsch hinstelle, zerstöre ich das System."

„Genau."

Lea nickte langsam. „Ich werde es nicht mehr anfassen."

Und das meinte sie so. Das merkte der Lernolotl an ihrer Stimme.

Ende

Eine Grenze zu haben ist in Ordnung. Es hilft, wenn man erklärt, warum sie wichtig ist —
nicht damit andere sie akzeptieren müssen, sondern damit sie sie verstehen können.

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Gesprächsanregung
Gesprächsanregung für Eltern
Mögliche Fragen nach dem Vorlesen

Diese Geschichte eignet sich gut, um über persönliche Grenzen, Ordnung und das Erklären eigener Bedürfnisse zu sprechen.

  • 1.Der Lernolotl sagt: „Als hätte jemand in meinem Kopf etwas umgestellt." Was meint er damit?
  • 2.Lea hat die Muschel nicht mit Absicht falsch hingestellt. Macht das einen Unterschied?
  • 3.Papa schlägt vor, es Lea zu erklären — nicht weil er muss, sondern damit sie versteht. Was ist der Unterschied?
  • 4.Lea sagt: „Ich werde es nicht mehr anfassen." Der Lernolotl glaubt ihr. Warum?
  • 5.Hast du auch Dinge oder Orte, die für dich eine besondere Ordnung haben müssen?
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